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Tibet

Die Ursprünge dieser Band reichen zurück bis in die Mitte der Sechziger Jahre. Jürgen Krutzsch (geb. am 4. Juli 1951) lebte in Werdohl, einer Stadt im Sauerland, ca. 50 Kilometer von Dortmund entfernt. Um diese Zeit herum entdeckte er die Rock Musik, in erster Linie durch Aufnahmen der Beatles, Rolling Stones, The Kinks, The Who und der Beach Boys.

Jürgen hatte keinerlei musikalische Ausbildung, doch er war so voller Enthusiasmus über das Gehörte, dass er entschied, all seine Ersparnisse in ein Musikinstrument zu investieren.

In seiner Schule in Werdohl schloss er Freundschaft mit Fred Teske (geb. 22. Juli 1951), der seine Haare wachsen ließ und T-Shirts mit Blumenmustern trug; aber was noch viel wichtiger war: Fred war ein hervorragender Gitarrist, und schon bald hatte dieser Autodidakt Jürgen die Grundzüge des Gitarrespielens beigebracht. Jürgen entschied sich, den Bass einzutauschen und die beiden gründeten zusammen mit einigen Freunden eine Band.

 

Als sie jedoch die Schule beendet hatten, trennten sich ihre Wege. Fred ging zur Bundeswehr, und Jürgen begann ein Kunststudium. Er kaufte sich eine Orgel und schloss sich Fine Art an, einer Band, die Led Zeppelin, Spooky Tooth und Hendrix coverte.

Nach zwei Jahren brach er sein Kunststudium ab, um fortan in dem Restaurant seiner Eltern zu arbeiten.

 

Kurz danach spielte Jürgen kurzfristig in einer weiteren Gruppe, Nostradamus, diesmal am Schlagzeug. 1970 endlich gründete er seine eigene Band, die nur noch eigene Stücke spielte.

Dieses Projekt realisierte er mit dem Keyboarder von Nostradamus, Dieter Kumpakischkis (geb. 10. September 1952), ein klassisch ausgebildeter Pianist und einem Autodidakten am Bass, Karl-Heinz Hamann (geb. 5. September 1952), die einige der Proben von Fine Art besucht hatten. Auf der Suche nach einem passenden Schlagzeuger erinnerte sich Jürgen an seinen alten Freund Fred, der – nicht nur ein hervorragender Gitarrist sondern ein bemerkenswerter Multiinstrumentalist war.

Nachdem er die Bundeswehr verlassen hatte, spielte Fred mit Government Control State, einer Band, die Chart Hits coverte. Angesprochen von der Idee, eigene Stücke zu spielen, sprang er sofort auf Jürgens Angebot, in dessen Gruppe mitzuspielen, an.

TIBET spielte zunächst Rock mit orientalischem Einschlag, unter Benutzung von Instrumenten wie Sitar, Tablas, Flöte, Geige und Saxophon. Man erreichte aber bald die technischen Grenzen, was diese Instrumente betraf und kam schnell wieder zurück zum bewährten Keyboards, Bass, Gitarren, und Drums – System, was besser geeignet war, um progressiven Rock zu machen. Wichtig war damals nur, dass es eigene Titel waren. Zunächst nur instrumental, da es nicht gelang einen geeigneten Sänger zu finden. Rock wurde vermischt mit Jazz, klassischen und orientalischen Einflüssen, basierend auf langen Improvisationen. Jürgen managte die Gruppe zusammen mit Peter Halbsgut, dem ehemaligen Roadie von Nostradamus. Der erste Auftritt war am 8.10.1972 in Fellbach, bei Stuttgart.


Kurze Zeit später stieß Wolfgang Wilka hinzu, der als Roadie angeheuert wurde. Er entwickelte die außergewöhnliche Lightshow, die für TIBET typisch wurde. Mit verschiedenen Projektoren zeigte er auf einer riesigen Leinwand eine Diashow, bei der flüssige Farbdias zum Rhythmus der Musik explodierten.Dadurch konnten sich die Musiker, denen die Routine für eine Bühnenshow fehlte ganz auf ihre Instrumente konzentrieren.
TIBET trat in Clubs, Kneipen und Jugendzentren auf und wurde bald auch für Festivals und größere Konzerthallen verpflichtet, als der Bekanntheitsgrad größer wurde.


Zu der Zeit gab es in Deutschland noch keine spezielle Rockpresse und daher beteiligte sich TIBET an der Gründung der deutschen Rockfamilie, zusammen mit Gruppen wie FRANZ K., KRAAN, BRÖSELMASCHINE und anderen. Diese unabhängige Verbindung diente dazu, sich gegenseitig Auftritte zu beschaffen und den deutschen Rock allgemein zu fördern. Später sollte daraus der deutsche Rockmusikerverband entstehen. Jede Band sollte ein Konzert oder kleines Festival ausrichten, an dem die anderen Bands der Vereinigung teilnehmen konnten.
Inzwischen hatte sich die Musik von TIBET weg entwickelt von indischen Einflüssen und mehr Struktur bekommen, in Richtung von Bands wie ELP, PINK FLOYD oder GENESIS.
Die Kompositionen wurden im Übungsraum von allen zusammen entwickelt. Einer brachte ein Songgerüst mit und die Gruppe arbeitete dann zusammen das Arrangement aus. Auf der Bühne jedoch wurden lange Improvisationen bevorzugt.
1974 wurde die Band auf eine kleine Anzeige in einer englischen Musikzeitung aufmerksam. Gesucht wurde Gruppen für das WINDSOR FREE FESTIVAL in der Nähe von London. Die Musiker von KRAAN, die dort im Jahr zuvor gespielt hatten, waren begeistert von der Atmosphäre.
TIBET bot also den Veranstaltern an, dort ohne Gage aufzutreten und wurde als eine der wenigen ausländischen Gruppen verpflichtet. Dass das Windsor Festival auf dem Gelände der Königin stattfand, war zwar im Vorjahr toleriert worden, sollte aber in jenem Jahr unterbunden werden. Die englischen Behörden hatten von dem Vorhaben der deutschen Gruppe erfahren und TIBET wurde durch einen Anruf des BKA davor gewarnt, nach England zu reisen. Die ließen sich aber nicht davon abhalten und absolvierten in England einen überaus erfolgreichen Auftritt, bei dem sie das englische Publikum durch ihre spacige Musik und die imposante Lightshow beeindruckten.Von den Organisatoren wurden sie sofort wieder für das nächste Festival verpflichtet.


Zurück in Deutschland erfuhr die Band dann aus den Medien, dass die englische Polizei das Festival gewaltsam beendet hatte. 1975 wurde das Festival deswegen nach Watchfield (Berkshire) auf einen stillgelegten Militärflughafen verlegt. Inzwischen dauerte das Event 9 Tage und auf insgesamt 10 Bühnen wurde durchgehend live-music gebracht. Für TIBET war das ein Höhepunkt ihrer Karriere. Neben Gruppen wie Hawkwind, Ginger Baker, Traffic u.a.gehörte TIBET zu den absoluten Abräumern. Als einzige Gruppe durften sie am Abend ihres Auftritts zwei Zugaben geben. Auf einer Bewertungsscala bekam TIBET 10 von 10 möglichen Punkten.


Trotz dieses Erfolges verließ Dieter die Band kurz darauf, weil ihm das Nomadenleben zu viel wurde. Mit einer kleinen Anzeige in einer Musikzeitung wurde Deff Ballin als Ersatz gefunden.
Auch er hatte, wie Dieter, eine klassische Ausbildung. Deff, der in Bochum lebte, hatte damals bereits in mehreren Gruppen (teilweise gleichzeitig) gespielt, u.a. bei BERTHA & FRIENDS (deren damaliger Sänger war übrigens Uwe Fellensiek, später bekannt als Hauptkommissar Jupp Schatz der Fernsehserie SK KÖLSCH). Durch sein mehr funky orientiertes Keyboardspiel nahm die musikalische Ausrichtung der Gruppe wieder eine andere Richtung an. Die Kompositionen bekam mehr Struktur.


Bei verschiedenen Plattenfirmen hatte TIBET sich inzwischen ergebnislos um einen Plattenvertrag beworben. Schließlich entschlossen sie sich auf eigene Kosten eine Single in einem Bochumer Studio aufzunehmen.Sie wählten zwei Nummern aus ihrem Repertoire, die sie für geeignet hielten, aber Deff meinte, dass man da noch weiblichen Gesang hinzufügen müsste. Eine 17-jährige Backgroundsängerin aus Deffs ehemaliger Gruppe verlieh der Aufnahme dann einen leichten Discotouch, in der Hoffnung, dass der kommerziellere Sound mehr Erfolg bringen würde.Man wollte zunächst Erfolg bei einem größeren Publikum, bevor der Markt mit progressiveren Titeln erobert werden könnte.


Die Single wurde mit einer Auflage von 1.000 Stück auf dem eigenen Eye-Records-Label veröffentlich in der Absicht, sie in den örtlichen Läden und auf Konzerten zu verkaufen. Die Band merkte aber bald, dass die Single nicht mehr viel mit ihrer ursprünglichen Musik zu tun hatte. Da die Aufnahmen schneller produziert worden waren als erwartet, hatte man die übrige Zeit im Studio genutzt um 3 weitere Titel aufzunehmen.

Diese 3 Titel wurden ohne die Sängerin aufgenommen, die nur für die Single angeheuert worden war. Nachdem die Songs im Kasten waren, beschloss die Band jedoch, dass auch diese Titel durch Gesang aufgewertet werden könnten.

Deff hatte die Idee, einen Freund, Klaus Werthmann, anzuwerben, mit dem er in der Band KOBOLD zusammen gespielt hatte. Nach erfolgreichem Vorsingen wurden die 3 Titel überarbeitet. Die Texte dazu schrieb ein englischer Lehrer, an den sich Wolfgang Wilka aus seiner Schulzeit erinnert hatte. Unter dem Pseudonym Allan Borel hatte er bereits Gedichte und Kurzgeschichten veröffentlicht. Wie bei den meisten anderen Bands der Zeit mussten die Texte natürlich englisch sein, wobei man mit einem Auge natürlich auch auf den internationalen Markt schielte.

Begeistert darüber, wie nahtlos sich der Gesang von Klaus Werthmann an die Musik angepasst hatte, fasste man nun den Entschluss, eine ganze LP aufzunehmen, zumal Klaus und Deff aus ihrer damaligen Zeit noch einige Eigenkompositionen auf Lager hatten. Mit dem neuen Sänger wurde auch der Auftritt der Gruppe theatralischer. Man benutzte Kostüme, Make-Up und experimentierte mit der Lightshow. Aus zeitlichen, hauptsächlich aber aus finanziellen Gründen zogen sich nun die Aufnahmen für die LP über drei Jahre hin. Von 1976 bis 1979 gab es in jedem Jahr eine Aufnahmesession. In den Bochumer Rhein-Ruhr-Film Studios wurden die Titel, die jeweils am ausgereiftetsten erschienen, aufgenommen. Da die Musiker wenig Studioerfahrung hatten, verließen sie sich da ganz auf Toningenieur Helmut Rohlfing, der ihnen ein relaxtes Arbeiten ermöglichte.

Zwischen den Aufnahmen machten sie noch eine Club-Tour durch England, die kurzfristig arrangiert wurde, da das Windsor Festival inzwischen ja verboten worden war. Immer noch auf der Suche nach einer Plattenfirma, die bereit war das Album herauszugeben, traf man durch Zufall auf Jürgen Wigginghaus, der in Deutschland schon einige größere Konzerte und Festivals veranstaltet hatte, zum Beispiel mit den Scorpions, Colosseum, Metallica u.a. Er bot sich an, das Management für die Gruppe zu übernehmen.
Nach langen Verhandlungen gelang es ihm, Hot Stuff, ein Label der Bellaphon, von den Qualitäten der Gruppe zu überzeugen. Für die abschließenden Aufnahmen wurde Dieter Kumpakischkies zum Wiedereinstieg überredet, da man ihm attestierte, dass er der einzige wäre, der die originalen, sphärischen Tibetsounds rekonstruieren könne. Deff spielte weiterhin Orgel, Mellotron und Synthesizer und die beiden Musiker harmonierten auf  Anhieb ganz hervorragend.

Nach den Aufnahmen überzeugte die Band Dieter wieder dauerhaft einzusteigen, und TIBET gab eine Reihe beeindruckender Konzerte mit zwei Keyboardern. Leider verließ Deff die Band kurz bevor das Album erschien und schloss sich der Gruppe GEIER STURZFLUG an, die gerade einen Nr.1 Hit landen konnten (Brutto Sozialprodukt).

Auch Klaus verließ bald darauf die Gruppe, da er sein Studium als Kinderarzt beendet hatte und nun in dem Beruf arbeiten wollte. Er wurde durch Richard Hagel ersetzt, der zu der Zeit schon 16 Jahre im Musikbusiness war u.a. bei den lokal sehr bekannten Sir John and the Starfighters und Virgin.

Für das Album-Cover stellte Jürgen Wigginghaus der Gruppe einen Grafiker vor, der für ihn schon einige Festivalplakate designed hatte. Das Motiv für die LP hatte er schon fertig in der Schublade liegen und man einigte sich schnell darauf es zu nehmen, da es den orientalen Spirit transportierte, mit dem Tibet musikalisch begonnen hatte. Im Mai 1979 wurde das bisher einzige Album „TIBET“ auf Hot Stuff/Bellaphon in Deutschland, Österreich und der Schweiz veröffentlicht.

Infolge einer inakzeptablen Geschäftsführung durch Hot Stuff konnte TIBET nie erfahren, wieviele Alben wirklich verkauft wurden, geschweige denn überhaupt gepresst worden waren. Die Angaben schwankten zwischen 5.000 und 15.000 Exemplaren. In der Folge stellten die Musiker ihr Album auf einigen Promotion-Gigs vor, u.a. im Hamburger STAR CLUB mit Peter Rüchel im Publikum, Produzent der Fersehserie  „ROCKPALAST“.

Als Jürgen Wigginghaus die Band auf Promotour durch Österreich und die Schweiz schicken wollte, kam das Gruppengefüge ins Wanken. Einige hatten nun doch Angst um Job oder Familie.  Am 22.März 1980, nach einem letzten Konzert in Essen, löste sich die Gruppe einvernehmlich auf.

 

 

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